deutsche Literatur nach 1945: Vergangenheitsbewältigung und geteiltes Deutschland


deutsche Literatur nach 1945: Vergangenheitsbewältigung und geteiltes Deutschland
deutsche Literatur nach 1945: Vergangenheitsbewältigung und geteiltes Deutschland
 
Die deutsche Literatur der ersten Nachkriegsjahre knüpfte künstlerisch an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg an: an die Ästhetik der bürgerlichen Literatur des 19. Jahrhunderts oder die Strömungen der internationalen Moderne. Inhaltlich spiegeln sich in ihr - mehr oder weniger deutlich - die Kriegserlebnisse und die grausamen Erfahrungen mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wider. Denn die Schriftsteller, die sich in den ersten Jahren nach dem Krieg im mittlerweile geteilten Deutschland ein neues Leben einzurichten hatten, standen noch lange unter dem Schock der grausamen Verbrechen, deren Ausmaß erst nach und nach zu Tage trat.
 
Auf Initiative von unter anderen Hans Werner Richter und Alfred Andersch hatte sich im September 1947 eine Gruppe von deutschen Autoren am Bannwaldsee, unweit von Füssen, erstmals zusammengefunden. Es war die Geburtsstunde der später so genannten »Gruppe 47«. Auf ihren Herbsttreffen, an denen Heinrich Böll, Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Walter Jens, Uwe Johnson, Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Martin Walser und viele andere teilnahmen, diskutierten und kritisierten sie entstehende Werke, von denen später viele zu den bedeutendsten der Nachkriegsliteratur zählten. Die Gruppe vertrat kein gemeinsames literarisches Programm, sondern sah ihre wesentliche Aufgabe in der Neubestimmung der politischen Verantwortung von Literatur nach den Erfahrungen des Holocaust.
 
Die Themen kreisten in den ersten Jahren und Jahrzehnten um die alltäglichen Fragen der Nachkriegszeit - daher die Bezeichnung »Trümmerliteratur«. Das Schicksal der Kriegsteilnehmer, der alleingelassenen Frauen und der Kriegsheimkehrer schildert Heinrich Böll in »Haus ohne Hüter« (1954) sowie in »Das Brot der frühen Jahre« (1955). Alfred Andersch setzt sich in »Die Kirschen der Freiheit« (1952) mit dem Kommunismus und seiner eigenen Desertion aus der Wehrmacht auseinander.
 
Günter Grass' erster Roman »Die Blechtrommel« (1959) ist die Geschichte von Oskar Matzerath, der an seinem dritten Geburtstag beschließt, nicht mehr zu wachsen. Er verschaffte der deutschen Literatur erstmals wieder internationales Ansehen. Grass schuf damit eine fantastisch-groteske, höchst umstrittene Form der Auseinandersetzung mit den politischen Erbschaften der ersten Jahrhunderthälfte, die in das kulturelle Vakuum der Adenauer-Ära hineinbrach und die öffentliche Meinung spaltete.
 
Einen völlig anderen Weg schlug schon früh der »Wortweltenbauer« Arno Schmidt ein. Er kreierte einen eigenen Wortschatz, experimentierte mit der Typogaphie und pflegte eine eigenwillige Orthographie sowie eine assoziationsreiche Sprache. Das erzählerische Werk Schmidts, das in den Fünfzigerjahren noch von der Auseinandersetzung mit der deutschen Nachkriegssituation geprägt ist - so etwa »Brand's Haide« (1951) und »Das steinerne Herz« (1956) - gipfelt in dem Monumentalwerk »Zettels Traum« (1970), zugleich Roman, Essay und persönliches Notizbuch.
 
Das Theater der Nachkriegszeit orientierte sich noch lange an den Stücken Bertolt Brechts, der Ende der Vierzigerjahre schon der Einladung in die neu gegründete Deutsche Demokratische Republik gefolgt war - sie sollte ihn allerdings nicht vor späteren Konflikten mit den offiziellen Institutionen schützen. Im Osten des geteilten Deutschlands blieb die unmittelbar nach Kriegsende angestrebte künstlerische Freiheit nicht lange bestehen. Seit den Fünfzigerjahren dominierte das Bestreben, die Schriftsteller auf den sozialistischen Realismus zu verpflichten, neben dem alle andere Literatur als »formalistisch« oder »dekadent« herabgewürdigt wurde. Zwei wichtige Konferenzen von Schriftstellern und Arbeiterkorrespondenten im »Elektrochemischen Kombinat Bitterfeld« 1959 und 1964 die als »Bitterfelder Weg« in die Literaturgeschichtsschreibung eingingen, sollten Künstler und Arbeiter einander annähern, die Entfremdung von Kunst und Leben überwinden.
 
Uwe Johnsons »Mutmaßungen über Jakob« erschienen 1959 in Westdeutschland; Johnson selbst siedelte im gleichen Jahr über. Sein Roman ist, wie die späteren, vierbändigen »Jahrestage« (1970-83) ein eindrückliches literarisches Dokument der deutsch-deutschen Teilung, geschrieben von einem Autor, der seine Heimat weder in dem einen noch in dem anderen Deutschland finden konnte. Die Darstellungsweise seiner Romane - sprunghafter Stil, häufige Perspektivenwechsel, Montagen, weitgehender Verzicht auf Satzzeichen - weist Johnson als herausragenden Vertreter der jüngeren europäischen Literatur aus.
 
Als 1976 dem Schriftsteller und Liedermacher Wolf Biermann nach einem Auftritt in Köln die Ausbürgerung mitgeteilt und damit die Rückkehr in die DDR verwehrt wurde, erhob sich massiver Widerstand: Sarah Kirsch, Christa Wolf, Volker Braun, Franz Fühmann, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günter Kunert, Jurek Becker, Heiner Müller, Rolf Schneider, Gerhard Wolf und Erich Arendt protestierten in einem offenen Brief, den im Lauf weniger Tage über 100 weitere Kulturschaffende unterzeichneten, darunter Ulrich Plenzdorf, Hans Joachim Schädlich und Günter de Bruyn. Doch die erhoffte Wirkung blieb aus; statt dessen sahen sich die Unterzeichner nun selbst mit Publikationsverboten, Parteiausschluss oder gar Ausbürgerung konfrontiert: Sarah Kirsch, Günter Kunert, Hans Joachim Schädlich, Jurek Becker und Reiner Kunze gingen in die Bundesrepublik.
 
Dort hatte sich im Zuge der Studentenbewegung ein Generationswechsel vollzogen, der nicht nur den Alltag, sondern auch die Literatur politisieren wollte. Die deutsche Vergangenheit zu bewältigen galt vielen nun nicht mehr als vordringliche individuelle Aufgabe, sondern als gesellschaftlich-kulturelle Pflicht, hinter der notfalls die künstlerische Arbeit zurückzustehen habe. Im »Kursbuch« 15 vom November 1968 wurde sogar der »Tod der Literatur« beschworen. Aus dem schwedischen Exil, wohin er bereits 1939 geflohen war, steuerte Peter Weiss seinen dreiteiligen Roman »Die Ästhetik des Widerstands« (1975-81) bei. Das komplexe, nur schwer zugängliche Werk ist ein dichtes Gewebe ästhetischer, historischer und politischer Reflexion, in der die letzlich unentschiedene Auseinandersetzung mit dem Marxismus im Mittelpunkt steht.
 
Bereits in den frühen Siebzigerjahren folgte der Politisierung der Literatur wieder eine Hinwendung zur Innerlichkeit. Erstmals verschaffte sich auch eine Literatur von Frauen Gehör, in deren Zentrum die Fragen um weibliche Entwicklungs- und Identitätsmuster in einer von Männern dominierten Gesellschaft stehen. Formen der Geschlechterverhältnisse thematisiert zum Beispiel Botho Strauß, etwa in seinen Theaterstücken »Trilogie des Wiedersehens« (1976) und »Kalldewey, Farce« (1981).
 
Mit der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 setzte eine Phase der Verunsicherung ein, die keineswegs nur die Schriftsteller des Ostens erfasste. Viele von ihnen, die in der DDR gelebt und gearbeitet haben, wurden dem Vorwurf ausgesetzt, der Staatssicherheit zugearbeitet zu haben. Nicht nur ihnen, sondern auch vielen der Autoren im Westen, die lange mit den Ideen des Sozialismus geliebäugelt hatten, ging - vor allem wegen der radikalen politischen Veränderungen in der ehemaligen Sowjetunion - nun eine Utopie endgültig verloren, was zu einer lang anhaltenden, literarisch relevanten Identitätskrise führte.
 
 
Schnell, Ralf: Geschichte der deutschsprachigen Literatur seit 1945. Stuttgart u. a. 1993.

Universal-Lexikon. 2012.

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